Krähen und Graue Geister

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Traum #15

Mondlicht hatte aus den kalten Resten des Tages einen Teppich ausgelegt. Straßenlampen senkten sich in Dunkelheit zum Schlaf. Die Menschheit hatte das Atmen vergessen und erstickte an toten Träumen. Unter der Brüstung meines Balkons sollte eine Wiese ein Spielplatz für nächtliche Insekten sein, doch befand sich dort ein kleiner Teich. Der Himmel spiegelte sich auf einer Oberfläche aus flüssigem Eis. Es war Sommer und ich schwitzte. Die letzte Dusche glich einem Roman aus endlosen Sätzen, der die Länge des Tages wiedergab. Meine Gedanken klangen müde und drehten sich um Zeitabschnitte aus Sonnenglut. Gebrochenes Licht verdunstete von meiner Haut. Nachtwind zog...

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Traum #11

Von den Wänden rieselt Zigarettengeruch. Ein Bett, eher ein großes Kissenuniversum, protzt in der Mitte dieses gelben Raumes. „Ist schon okay“, sagst du, stehst auf, greifst nach deinen Klamotten, nickst mir lächelnd zu und blickst auf die andere Frau. „Macht bitte weiter. Ich hatte meinen Spaß, ihr beide seid noch nicht fertig miteinander.“ Grinsend steigst du in dein Höschen, verschließt deinen BH und ziehst die Jeans über deinen Hintern. Und ich verstehe gar nichts mehr. Dass du überhaupt mitgemacht hast, ist ein Wunder. Dass wir das gemacht haben, einfach nicht zu glauben. Die Idee kam von dir. Ich kenne diese andere...

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Das ist der blinde Karl:

[…] Ich saß auf dem Baumstamm und tat gar nichts. Er wärmte meinen Hintern. Die Rinde verglich ich immer mit der Oberfläche eines fremden Landes, das von winzigen Käfermännchen besiedelt war.    Meine Kindheit war vom Nichtstun bestimmt, ebenso vom Staub auf Schmetterlingsflügeln, dem Ticken vergeudeter Zeit und gedehnten Vormittagsstunden. Eine Gegebenheit, die heute tragischerweise gar nicht mehr üblich ist. Denken gelingt im Stillen, nicht im Lauten – bei jung und alt. Mir gelang so einiges trotzdem nicht, weil ich in meiner Kindheit damit beschäftigt war, zuzuhören, was die denkenden Hirne anderer Menschen aus deren Münder quellen ließen. Am liebsten...

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Über Flüchtlinge und Kampfsport

Donnerstagabend. Neuschnee hängt in den Büschen wie Schlagsahne. Irgendwo scheint eine gigantische Pusteblume explodiert zu sein. Ich renne zur Halle, weil ich mal wieder recht spät bin. Heute bin ich mit dem Training dran und habe mir keine besonders schweren Übungen vorgenommen. In der Umkleidekabine wird klar, dass wir heute ziemlich wenig sein werden, und in der Halle wird deutlich, dass es sich nicht mal lohnt, ein Training zu halten. Wir sind zu viert. „Wo sind alle?“, fragt Jürgen, wir drei anderen schauen umher. „Liegt’s am Schnee oder am Fasching? Was ist los?“ Zwei bis dreimal im Jahr besuchen eigenartigerweise...

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Traum #10

Die Nacht streichelte den See, als wollte sie sich für die Dunkelheit entschuldigen, mit der sie dem Frost das Funkeln nahm. Ich saß am Ufer, der Schnee war weich, das Wasser hart, meine Schlittschuhe stumpf. Die warmen Jahre hatten meine Kufen mit Rost bemalt. Ich zeichnete rötlich-braune Linien auf die hellsten Ebenen der Finsternis, beschrieb schlafendes Wasser mit einer Schrift, die vom Leben und jener Unruhe erzählte, die immerzu in mir aufstieg, wenn die Welt vom Sonnenlicht beschneit zur Ruhe kam. Weiße Stille und Rastlosigkeit begleiteten mich seit jeher durch die kältesten Tage meiner Zeit wie der Atem, der sich...

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Traum #9 – Handarbeit

„Soll ich dir einen runterholen?“ Es gibt immer nur eine Antwort auf diese Frage, wenn deine Hand bereits in meiner Hose steckt. Die Trübheit dieser Absteige lässt sich schneiden. Staub schwebt in dem flurartigen Zimmer wie Lichtfetzen in einer Röhre. Ich schätze die Breite des Raumes auf vier Meter, die Länge kann ich nicht erahnen – zu viele Verwinkelungen, zu viele Kisten, zu wenig Licht auf dem dunklen Holz dieser dachbodenartigen Unterkunft. Ich habe den Grund vergessen, weshalb wir angezogen in diesem Bett landeten und küsse dich. Die alte Holzvertäfelung knackt wie die Gelenke der Ewigkeit. Dein Handgelenk knackt nicht,...

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Leiter

Gäbe es eine Leiter in den Himmel, würde ich sie nachts besteigen. Die Sprossen wären kälter, vielleicht auch klamm und rutschig, aber dafür blendete mich keine Sonne. Die Leiter, von der ich spreche, stünde auf einem kleinen Hügel und wüchse wie ein astloser Stamm aus dem Gras – nur eben bis ganz hinauf würde sie reichen. Vor der Leiter befände sich ein blaues Schild mit einem nach oben zeigenden Pfeil, sodass jeder wüsste, wohin die Leiter führe. Schlafende Schafe verteilten sich im nächtlichen Gras rings um die Leiter. Die dicken Tiere hätten sich der Trägheit ergeben und sogar das Kauen...

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Frohe Weihnacht

Die Stadt ist mit Mondlicht bedeckt, Wärme in Fenstern und Tannenbäumen. Geschenke in buntem Papier versteckt, diesen Abend will keiner versäumen. Auf Bäumen flackern Kerzen wie Erinnerungen in alten Herzen. Junge Augen funkeln, glitzern aufgeregt, schöner als Sterne im Nachtblau, unentwegt. Und du? Was ist mit dir? Ersehnst du dir Geschenke mit Goldrandschleife, oder Gemeinsamkeit und Gespräche für die Lebensreife? Es könnte auch anders sein, doch du sitzt mittendrin, darfst mitmachen, bist an Weihnachten nicht allein, drum verschenke doch einfach dein Lachen.

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Die missmutigen Leute

Ihrer Sagen gleicher Klang, das Haupt voll regnerischer Phrasen, eigenbrötlerisch ihr Gang, alles Mauern zerbrechlicher als Vasen. Keine Blumen das Leben ihnen bescherte. Stille Lieder, schleichend Schmerz, tägliche Laster ihre Wege querte. Beinahe vergessen: Ihr träumend Herz, leise in der Mitte schlagend, gleich schnell, mit deinem oft im selben Drang, vor Enttäuschung oft verzagend, hofft auf milder Gesten Klang. (Aus meinem Buch „Der blinde Junge, der sieben Sommertage lag die Farben sah“)

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Lagerfeuer für Kalenderblätter

Liebe, die du empfängst, ohne etwas dafür zu tun, ist die ehrlichste Liebe, vielleicht auch die seltenste. Sie lässt sich weder suchen, noch finden, weder erzwingen, noch erkaufen. Wenn sie dir begegnet, dir gegenübersteht und dich anspringt, bleibt sie ein langes Weilchen und wärmt deine Haut wie ein Mantel, ein schwerer Mantel, den du über alle Wege trägst, der wie ein Schutzschild fremde Worte dämpft und kühle Belangen außen hält – sofern er passt. Sie ist eine kleine, in sich geschlossene Welt, in deren Kern ein Lagerfeuer brennt, an dem sich zwei Menschen verheizen. Das Feuer brennt und brennt und...

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